Chronik

Kleine Gemeinde - Chronik von Pfarrer Bernhard Obst

Als im Sommer 1964 die ersten Wohnungen im Märkischen Viertel bezogen wurden, war das "MV" bereits zu einem Begriff geworden. Planer und Bauunternehmer wollten "Blumen und Märchen bauen". Kritiker meinten, die "Neuen Slums dieses Jahrhunderts" ankündigen zu müssen. Dabei ging es um eine ganz einfache Sache: Wohnungen mußten her, so viele wie möglich und vor allem, so schnell wie möglich. Der Westteil der Stadt, durch die Errichtung der Mauer am13.August 1961 in seiner Existenz bedroht, war auf den Zuzug vieler junger Facharbeiter aus dem Westen der Bundesrepublik angewiesen. Junge Familien mußten sich entfalten können, wenn West - Berlin eine Zukunft haben sollte.Wer sich an den Anfang des Märkischen Viertels erinnert, sieht eine riesige Baustelle vor sich, einen Wald von Baukränen und überall Planierraupen, die die Idylle der Schrebergärten und Wohnlauben beiseite schieben. Tag und Nacht rollten die Sattelschlepper mit Fertigteilen der zukünftigen Wohnhäuser heran. In mehreren Arbeitsschichten werden die zehn- bis zwanziggeschossigenn Wohntrakte hochgezogen. Und das besondere des MV: Auf dieser Baustelle wohnen schon Familien mit vielen Kindern, denn sobald ein Haus fertiggestellt ist, stehen die Umzugswagen vor der Tür. Die letzten Handwerker und die zukünftigen Mieter geben sich buchstäblich die Klinke in die Hand.

Die Gründung einer katholischen Gemeinde

In diese Phase fällt die Gründung der Katholischen Gemeinde. Im August 1968 liegt der Brief des Bischofs auf meinem Tisch: "Hiermit ernenne ich Pfarrer Bernhard Obst zum Kuratus und ersten Seelsorger der neu zu errichtenden Gemeinde im Märkischen Viertel". Ich setzte mich ins Auto und machte die erste Erkundungsrundfahrt auf dem Gelände der zukünftigen Kuratie. Vor dem sogenannten "Langen Jammer", einem 700 m langem Wohnhaus, werfen Kinder Steine auf mein Auto. Ein eindrucksvoller Empfang! Mich wundert das später nicht mehr, Zu groß ist der Anteil sogenannter "Problemfamilien" an der Gesamtbevölkerung. Diese Familien, die lange, zu lange, in Notwohnungen und Obdachlosensiedlungen auf eine Neubauwohnung warten mußten, hatten es nicht leicht, sich in " normalen Verhältnissen" zurechtzufinden. Nicht wenigen drohte deshalb recht bald die Zwangsräumung. Drei ungewöhnliche Einrichtungen sollten für uns in den Jahren 1968 bis 1973 von großer Bedeutung sein: 1. die Etagenwohnung in der Treuenbrietzener Str.5 als provisorisches "Pfarrhaus", Anlaufstelle für alle Ratsuchenden und für alle Hilfswilligen. 2. Auf derselben Etage in unmittelbarer Nachbarschaft die "Informations- u. Beratungsstelle des Caritasverbandes im MV", offen für alle Mitbürgerinnen und Mitbürger. 3. Die "Ladenkirche", ein improvisierter Gottesdienst- u. Versammlungsraum, dort, wo später die Fa. Ostrowski ihr Geschäft eröffnen sollte. In dieser Ladenkirche im Wilhelmsruher Damm , Ecke Senftenberger Ring, feierte die Gemeinde am Sonntag, dem 3. Nov. 1968 den ersten Gottesdienst. Pfarrer Anton Majewski, Pfarrer der Muttergemeinde St. Nikolaus, steht neben mir am Altartisch. Er führt den neuen Kuratus ein auf seine ihm eigene Weise. "Nimm hin den Speer, für meinen Arm ist er zu schwer".

Die Gemeinde wächst

Bald darauf findet die erste Gemeindeversammlung am 22. Nov. 1968 im selben Raum statt. Einmütig wird der heilige Martin von Tours zum Gemeindepatron erwählt. Die Gemeinde wächst von Monat zu Monat mit der Zahl der zuziehenden Mitbürger. Waren es zunächst 2000 Gemeindemitglieder mit dem Beginn des Jahres 1969, so sind es mit dem Abschluß der Bautätigkeit 1972/73 ca. 5500, von denen in ca. 800 Familien 1200 Kinder unter 14 Jahren zu zählen sind. Die Bevölkerungsstruktur wird weitgehend dadurch bestimmt, dass alle Neubauwohnungen im Rahmen der Berlin - Förderung nach den bestimmungen des "Sozialen Wohnungsbaues" errichtet und belegt werden. Der "Wohnberechtigungsschein" legt die Größe der Wohnung fest aufgrund der Familiensituation und der jeweiligen Einkommens verhältnisse. Fast alle "Neubürger" des MV - davon sind viele aus Westdeutschland - bringen ihre Lebensgewohnheiten und so auch ihre Vorstellungen von Kirche und Gemeinde mit. Sie müssen ein ungewohntes Bild von Kirche erleben und annehmen: Kirche als Gemeinde, wirklich als Gemeinschaft, die sich in Nachbarschaftshilfen, in improvisierten Aktionen und einzelnen Gruppen findet. Kirche, die durch ihre Glieder in der Gesellschaft präsent ist und an eine urkirchliche Gemeindesituation erinnert. Die Raumnot in der Ladenkirche - fünfmal sind die 120 Plätze zu den Sonntagsgottes-diensten besetzt - läßt sich bald mit einem Hauptgottesdienst in der evangelischen Apostel-Johannes-Kirche mildern. Unser erster Kaplan Wolfgang Motter organisierte einen Mieterkeller als Jugendtreff. Dort, wie auch im Ladenraum, kommen acht Kindergruppen zusammen und 70 Jugendliche im "Club". Der Rückblick auf das Jahr 1970 weist 83 Taufen und 48 Erstkommunionkinder auf; dies bei nur 22 Beerdigungen, ein für Berlin recht untypisches Gemeindebild.

Ein Gemeindezentrum entsteht

Die Planung des Gemeindezentrums und dessen abschnittsweise Fertigstellung ging in den Jahren 1968 - 1973 neben dem inneren Aufbau der Gemeinde einher. Ganz am Anfang stand ein Raumplan, zu dem ich Stellung nehmen durfte. Dann viele Gespräche mit dem Architekten Prof. Werner Düttmann und seinen Mitarbeitern im Zeichenbüro. Der Pfarrgemeinderat, der am 16. März 1969 gewählt, tritt in die Beratungen mit ein. Am 10.Oktober 1971 wird der erste Kirchenvorstand gewählt. St. Martin ist mit Wirkung vom 1. September 1971 eine nun auch "vermögensrechtliche selbstständige Kuratie".
Die Grundsteinlegung zum neuen Gemeindezentrum war bereits am 10.Oktober 1970 erfolgt. Zum 15. Mai 1972 öffnet die Kindertagesstätte mit 80 Plätzen ihre Türen. Mit dem Gottesdienst am 1. Advent 1972 zieht die Gemeinde, von der Ladenkirche als Gemeindezentrum, in das Foyer des halbfertigen Gemeindehauses um. Die Kirchweihe am Sonntag, dem 7. Oktober 1973 wird zum bleibenden Gedenktag der Gemeinde. Der inzwischen verstorbene Bischof von Berlin, Alfred, Kardinal Bengsch, überschreitet als erster die Schwelle der endlich fertiggestellten Kirche und nimmt die Konsekration vor. Als äußerst segensreich erweist sich bald die Ergänzung des neuen Gemeindezentrums durch die Einrichtung einer Freien Katholischen Schule, Außenstelle der Katholischen Schule Salvator. Die Vorklasse wird bereits am 1. September 1971 eröffnet und 4 Grundschulklassen sind der Stammschule in Waidmannslust zugeordnet. Als besonders glücklich ergibt sich die Ergänzung des Gemeindezentrums durch ein Senioren - Wohnhaus, das den Pfarrhof nach Süden und Westen hin abschließt. Der Caritasverband übernimmt das von der Gesobau errichtete Gebäude als Hauptmieter und bietet so 145 älteren Menschen ein neues Zuhause. Als "Seniorenwohnhaus St. Martin" wird es am 15.Dezember 1974 eröffnet. Ein Jahr nach Beendigung der Bautätigkeit legt der Architekt den Abschlußbericht über das Bauvorhaben Gemeindehaus und Kirche St. Martin vor. Dieser weist Baukosten in Höhe von 5,5 Millionen DM auf, die vom Bistum getragen werden. Die Gemeinde übernimmt 180.000, 00 DM als Bauschuld sowie alle Kosten der Inneneinrichtung und der Ausgestaltung der Kirche und des Gemeindezentrums. Die Schuldenlast von ca. 500.00,00 DM hat die Gemeinde inzwischen durch Sammlungen und Spenden in zwei Jahrzehnten abgetragen.

Der innere Aufbau der Gemeinde wird vorangetrieben

Nach Beendigung der Bauzeit und der äußeren Organisation der Kuratie tritt nun der innere Aufbau einer lebendigen Gemeinde in den Vordergrund. Zahlreiche Gruppierungen tragen zu ihrer Infrastruktur bei: Kindergruppen, Sportgruppen und Jugendclub gestalten das Leben der jungen Generation. Die "Gemütliche Runde" bietet den zahlreichen älteren Mitbürgerinnen und Mitbürgern schon seit Februar 1969 einen vierzehntägigen Treffpunkt mit Kaffeetafel und wechselndem Programm an. Für die mittleren Jahrgänge nimmt die KAB (Katholische Arbeitnehmer
Bewegung) im November 1975 ihre Arbeit auf. Die Chorgemeinschaft St. Martin kann im Febr.
1977 unter Leitung von Herrn Christoph Borek bereits auf ihr fünfjähriges Bestehen zurückblicken. Einzelne "Kreise Junger Familien" entwickeln sich spontan. Der "Offene Kreis" entsteht im Februar 1979 und ist ein Sammelsurium von Gemeindemitgliedern, die aus der Jugend entwachsen sind, aber noch nicht zur "Gemütlichen Runde" zählen wollen. Ein Gesprächskreis alleinerziehender Mütter und Väter wird vom SKF, dem Sozialdienst Katholischer Frauen, getragen. Angebote der Familien- und Eheberatung wie auch die Selbsthilfegruppen des Kreuzbundes für Alkohol - u. Suchtkranke werden dankbar angenommen. Als eine besondere Herausforderung für die Gemeinde stellt sich die Eingliederung der Kinder und Jugendlichen in das Gemeindeleben dar. Die Zahl der Erstkommunionkinder nimmt von Jahr zu Jahr zu und hat bald die 90 überschritten. In der Form der "Gemeindekatechese" d.h. in kleinen Gruppen zu ca. 5 Jungen und Mädchen, die von Frauen der Gemeinde geleitet werden, wächst die neue Generation in die Kirche hinein. Die Gruppenkatechetinnen werden auf ihre Aufgabe nicht nur gut vorbereitet, sondern auch intensiv begleitet. Die Gemeindereferentin Frau Eva - Maria Linksfeiler hat in der Zeit von Oktober 1972 bis zu ihrem Ausscheiden im Sommer 1993 diese Arbeit sehr effektiv und phantasievoll getragen. Auch die Kurse der Firmvorbereitung für Jugendliche ab 16 Jahre wurden "gemeindekatechetisch" gestaltet und zogen sich jeweils über einen Zeitraum von 8 - 9 Monaten hin. Eine große Zahl von Frauen und Män-nern der Gemeinde, insgesamt 80, haben so in all den Jahren durch ihr persönliches Glaubenszeugnis und in mühevoller Gruppenarbeit am inneren Aufbau der Gemeinde wesentlich mitgewirkt.

Berufungen

Die Frage, wie sich die Zukunft der Kirche gestalten wird, ist eng verbunden mit der Sorge um "geistliche Berufe" sowie die Sorge um "Berufe in der Kirche" überhaupt. So gesehen, verdient die erste Primiz in unserer Gemeinde Beachtung. Am 8. Oktober 1984 empfing Thomas Schubert in Rom in der Kirche San Ignatio die Priesterweihe und feierte am 11. November 1984 in St. Martin seine Heimat - Primiz. Wir hielten auch nach dem Wegzug ihrer Familie weiter Kontakt mit Gudrun Bossek. Sie hat inzwischen als "Schwester Gudrun" bei den Missionarinnen in Steyl die Ewigen Gelübde abgelegt und ist auf den Philippinen tätig. Mit der Familie Hoang, die vor 12 Jahren aus Vietnam in unsere Gemeinde kam, freuen wir uns, dass Tochter Mi Dung nun als Schwester Maria - Theresa sich für das Ordensleben entschieden hat. Den Beruf als Gemeindereferentinen haben Daniela Starck und Susanne Lust erwählt, zwei junge Frauen, die in unserer Gemeinde aufgewachsen sind. Nach guter Erfahrung in der Arbeit mit unseren Gruppen der Erstkommunionvorbereitung haben fünf Frauen (Frau Krämer, Frau Bode, Frau Birkle, Frau Franke und Frau Kubas) den katechetischen Dienst in den öffentlichen Schulen zu ihrem Lebensberuf gemacht.

Das Gemeindebild ändert sich

Der Aufbau einer lebendigen Gemeinde war aber auch mit besonderen Schwierigkeiten verbunden. Nach einigen Jahren setzte eine Fluktuation ein, wie sie in Neubaugebieten mit fast nur Mietwohnungen typisch ist. Immer wieder müssen wir von aktiven Gemeindemitgliedern Abschied nehmen und die Neuzugezogenen für uns gewinnen.
Mit dem Beginn der 80ziger Jahre veränderte der Zustrom von Umsiedlern - besonders aus Polen - das Gemeindebild. Zahlreiche Spätaussiedler - Familien kommen aus geschlossenen Gebieten mit polnisch geprägtem Katholizismus. Sie müssen sich erst in der Berliner Diaspora zurecht finden.
Die Zahl der Gemeindemitglieder steigt auf 6000 an, auch die Zahl der sonntäglichen Gottesdienstbesucher nimmt zu, jedoch die aktive Beteiligung am Gemeindeleben und die Bereitschaft, Mitverantwortung zu übernehmen, geht spürbar zurück. Der Rückblick auf 25 Jahre Geschichte der Katholischen Gemeinde St. Martin im Märkischen Viertel ruft die große Zahl der Männer und Frauen, auch vieler Jugendlicher in Erinnerung, die mit Eifer und großer Hingabe dem Aufbau einer lebendigen Gemeinde gedient haben. Nicht weniger als 10 Kapläne haben in dieser Zeit als Seelsorger mitgewirkt. Jeder hat mit der eigenen Begabung und von sehr unterschiedlichem Standpunkt aus der Gemeindearbeit Impulse gegeben. Wenn dabei mancher gelegentlich Widerspruch hervorrief, so hat eine heilsame Unruhe auch dazu beigetragen, dass die Gemeinde lebendig blieb.

Gemeinde unterwegs

Die zunehmende Bedeutung der Laienseelsorgerinnen und Laienseelsorger konnte die Gemeinde dankbar erfahren. In diese Gruppe möchte ich neben der Gemeindereferentin Frau Linksfeiler und dem Pastoralreferenten Herrn Kmiecik die vielen Religionslehrerinnen und Religionslehrer einbeziehen, die an den 10 Schulen innerhalb des Gemeindegebietes einer großen Schar von Kindern und Jugendlichen den Glauben nahegebracht und in ihrer persönlichen Haltung vor allem bezeugt haben. Ohne die engagierte Mitarbeit zahlreicher Erzieherinnen in unserer Kindertagesstätte und ohne den Einsatz der Sozialpädagogen in der Caritasstelle hätte man sich den Aufbau einer Gemeinde und ihrer Belebung nicht vorstellen können. Es gibt so viele Dienste in einer Gemeinde, und alle sind sie von konkreten Persönlichkeiten wahrgenommen, dass man sie nicht erschöpfend aufzählen kann im Rahmen dieser Chronik, geschweige, dass man alle Namen nennen könnte. Vieles ist unauffällig, geschieht im Hintergrund und ist sehr wichtig. Die Rückerinnerung besonders an die ersten Jahre der Gemeindegründung läßt manches in verklärtem Licht erscheinen. Ein Hauch von Romantik liegt halt über jeder "Pionierzeit". Was hält nach mehr als 25 Jahren einer objektiven Beurteilung stand? Es ist die Geschichte einer "Gemeinde im Werden", einer "Gemeinde immer noch unterwegs", einer "Weggemeinschaft vor allem im Glauben".
Die Frage die in die Zukunft weist: Wie bleiben wir in St. Martin eine "lebendige Gemeinde"? Wie bleiben wir als Christen "Licht auf dem Leuchter" und "Salz der Erde"? Ich sehe eine Antwort darin - dies als die Frucht der Erfahrung aus der Zeit von 1968 bis 1994 - ohne Vorurteil auf jeden Menschen zuge-hen, ihn einzuladen, jeden Menschen anzunehmen, wie er ist und es mit ihm zu wagen, Gemeinde zu sein, weil Gott es mit ihm wagt, auch mit uns und seiner Kirche.

Entnommen aus der "Festzeitschrift zum 25 jährigen Gemeindejubiläum" Wir werden bemüht sein, diese Chronik weiter zu schreiben.

 

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